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Bettwanzen: Unerwünschte Mitbewohner

 

Sie waren viele und sie wohnten dort, wo es besonders warm und behaglich war - unter der Matratze. Der unschlagbare Vorteil dieser Behausung: Sie lag unweit der Futterquelle. Diese kam allabendlich freiwillig ins überbevölkerte Bett - nur wusste sie zunächst nichts von ihren ungebetenen Mitbewohnern. Besagte Futterquelle ist 31 Jahre alt, wohnt in Prenzlauer Berg und kämpfte erfolgreich gegen einen überaus blutrünstigen Vampir: die gemeine Bettwanze.

 


"Es war schrecklich. Ich hatte über viele Wochen hinweg jeden Tag neue vermeintliche Mückenstiche, und trotz diverser Maßnahmen kamen immer wieder welche hinzu", berichtet das Opfer Sandra P.

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Mit Hilfe eines Umzugsunternehmens zog die damals 30-Jährige von Westdeutschland nach Berlin. Die Dachgeschosswohnung inmitten des Szenekiezes war frisch saniert und dem ungetrübten Hauptstadtwohngefühl sollte nichts entgegenstehen. So weit, so gut.

Juckreiz und Phantom-Mücken
Dass sie tagtäglich mit juckenden Stichen erwachte, schob Frau P. dem nahegelegenen Park zu. Mückenvorhänge am Fenster und eine Chemiekeule in Form einer Spraydose sollten Abhilfe schaffen. Die Übeltäter waren jedoch hartnäckiger als gedacht, und die Stiche juckten länger als vermutet.

Der konsultierte Hausarzt stellte einen Vitamin-B-Mangel fest und beruhigte die Patientin. Mücken gäbe es schließlich auch in der großen Stadt. Wochen kamen, Wochen gingen – nichts veränderte sich.

Die Stiche konzentrierten sich indes auf immer eine Partie des Körpers. An einem Morgen war der Hals betroffen. Kollegen sprachen sie an, das speziell für die Überdeckung der Misere getragene Halstuch schaffte offensichtlich keinen gelungenen Sichtschutz. Ein neuer Arzttermin musste her. Diesmal bei einer Hautärztin.

Diese kam, sah und diagnostizierte zielsicher: "Taubenzecken oder Bettwanzen, ganz eindeutig. Sie sollten das Gesundheitsamt einschalten", sprach's und entließ die von ihr nicht zu heilende Patientin.

Im Dialog mit dem Gesundheitsamt
Die Dame vom Gesundheitsamt erwies sich als patent und praxisorientiert: "Erst müssen sie ein Tierchen fangen. Sind es Taubenzecken, muss der Vermieter ran – eventuell muss das Mauerwerk nochmals saniert werden. Bei Bettwanzen tut's der Kammerjäger."

Auf die Laienfrage nach den besten Fangmöglichkeiten für die - nie gesehenen - Blutsauger hatte die Dame ebenfalls einen Tipp: Doppelseitiges Klebeband solle man rund um die Bettstatt kleben. Wer auch immer die Schläferin besuchen wolle, er würde darauf haften bleiben, könne am nächsten Morgen eingesammelt, zum Gesundheitsamt gebracht werden und würde umgehend identifiziert. Kostenlos sogar.

Spannungsgeladen begab sich Frau P. zu Bett. Wer auch immer sie stechen wollte - dieses Mal sollte es nicht gelingen. Im Gegenteil. Gefangen würden die Übeltäter - sofern sie keine Flügel besäßen, um die magische Linie zu überqueren. Die Bilanz des nächsten Morgens brachte ein einziges beinlos wirkendes Wesen. Schwarz, etwa fünf Millimeter lang – dem Aussehen nach ein unscheinbarer Käfer. Und etwa acht neue Stiche. Sollte sich der Käfer nur verirrt haben und Frau P. doch von unbekannten Flugobjekten angegriffen werden?


Kontakt mit dem Kammerjäger
Beim Gesundheitsamt genügte ein fachkundiger Blick. "Bettwanzen, da muss der Kammerjäger ran. Und wenn da nur eine auf dem Band klebte, dann leben die eventuell unter oder in der Matratze", so die qualifizierte Dame weiter.

Sie hatte Recht. Und wie sie Recht hatte! Die Matratze - am Kopfende angehoben - entblößte eine ganze Rotte, eine Herde, ein Rudel - widerlich krauchender und krabbelnder Wanzen. Eine Großfamilie lebte, sich fröhlich fortpflanzend, unter dem Bett von Frau P.

Was dann kam, war noch weniger schön. Der hinzugerufene Kammerjäger, den - allerdings aus Kulanzgründen - der Vermieter bezahlte, konstatierte, er könne nur ein von Textilien weitgehend freigeräumtes Schlafzimmer mit seiner chemischen Wanzenwunderwaffe bearbeiten. Die Kleidung aus Kleiderschrank, Kommoden und Co. könne aber dennoch ebenso von Wanzen besiedelt sein wie die Matratze.

Er empfahl, die Gunst des heißen Sommers zu nutzen und die komplette Kleidungs-Kollektion - luftdicht versiegelt - in Müllsäcke verpackt mehrere Wochen auf dem Balkon zu lagern. Keine schöne Arbeit, kein schöner Anblick.

Während sich die optische Erscheinung von Frau P. mehrere Wochen lang gleichförmig auf zwei paar Jeans und vier bis fünf - wanzenfreie - T-Shirts reduzierte, konnten draußen wochenlang Dutzende von Mülltüten bestaunt werden. Kein schönes Bild. Doch dort sollten die - eventuell verbliebenen - Bettwanzen ohne Licht und Luft und ohne Chemie den Tod finden.


Kleider raus, Chemiekeule rein
Derweil besprühte der Kammerjäger die Schlafstatt mit chemischen Substanzen. Obwohl für menschliche Wesen angeblich nicht schädlich, sollte der Raum drei Wochen lang nicht betreten werden. Die Matzratze fand ihren Weg in den Sperrmüll - allerdings erst nach der Behandlung. Damit die zutraulichen Haustiere nicht gleich den nächsten Wirt beehren würden.

Frau P. erinnert sich: "Alles in allem war das eine seltsame Zeit. Vor allem, weil die Mitmenschen doch etwas seltsam reagieren, wenn sie wissen, man hat derlei eklige Mitbewohner. Putzt die nie, scheinen die sich zu fragen. Mehrfach hatte ich den Eindruck, als sorgten sich selbst enge Freunde vor Ansteckung."

Doch auch hier konnte die Dame vom Gesundheitsamt informieren: "Bettwanzen kann man sich überall "einfangen". Auf Reisen, im Umzugswagen, in Antikmöbeln. Im Vertrauen: Fast alle großen Berliner Hotels haben Probleme mit Parasiten und bestellen regelmäßig den Kammerjäger".
Am faszinierendsten war für Frau P. im Rückblick, dass sie über Wochen hinweg niemals eines der Tiere gesehen hatte.

Kein Wunder, denn dieses Ungeziefer verhält sich taktisch klug: Tagsüber verstecken sich die Wanzen und warten auf den Wirt. Erst Nachts krabbeln sie ins Bett und stechen zu. Binnen fünf Minuten saugt die Wanze dabei das fünffache ihres Körpergewichtes. Ihr Stich kann bei empfindlichen Menschen wie Frau P. deutliche Schwellungen erzeugen und über mehrere Tage hinweg außerordentlich jucken.

Bettwanzen sind aber nicht nur gut im Untertauchen, sondern darüber hinaus überaus genügsam: Selbst temporäre Abwesenheit der Bezugsperson bringt sie so schnell nicht aus dem Gleichgewicht, sie können bis zu 40 Wochen ohne Nahrung auskommen.

 

Datum: 
20. Juli 2009
Quelle: 
Sabine Priess